Donnerstag, 10. März 2011

Universitätsklinikum Ulm will die Schule für Medizinische Dokumentation (SMD) schließen

Vergangenen Samstag wurde in der Meddok-Mailingliste darauf aufmerksam gemacht, dass der Vorstand des Universitätsklinikums Ulm erwägt, die traditionsreiche "Schule für Medizinische Dokumentation" (SMD) zu schließen. Die im Wiblinger Kloster gelegene Ausbildungsstätte ist nichts Geringeres als die Keimzelle aller Ausbildungen im Fach Medizinische Dokumentation. Das macht die Angelegenheit bedauernswert, ist aber nicht der springende Punkt.
Es steht mir nicht an, die strategischen und betriebswirtschaftlichen Erwägungen zu kommentieren, die hinter dieser Entscheidung stehen. Ich denke aber, dass die bevorstehende Schließung ein Schlag für die gesamte Branche ist, denn zukünftig werden pro Jahr 20 bis 30 sehr gut ausgebildete Fachkräfte fehlen. Das mag zunächst verkraftbar klingen, zumindest vor dem Hintergrund, dass es bundesweit zwei Fachhochschulen, sechs MD-Schulen und 27 MDA-Schulen gibt, die rund 700 Absolventinnen und Absolventen jährlich produzieren.
Nun ist Quantität nicht gleich Qualität. Denn nimmt man die Ausbildungsqualität als Parameter, wird die Angelegenheit dramatisch: einer ganzen Profession wird sozusagen der "Leuchtturm" genommen, und das auf einer mehr als dubiosen argumentativen Grundlage. Dabei weiß doch jeder Branchenkenner, dass ein Wiblinger MD mehr Wert hat als so mancher B.A. Die Tatsache, dass selbst den Ulmern im Laufe der Zeit die Schüler  abhanden gekommen sind, spricht nicht gegen die Ausbildung der Schule, sondern ist ein trauriger Beleg u.a. für  die Auswüchse des "academic drift" und vor allem auch dafür, dass es eine ganze Branche nicht versteht, sich selbst zu vermarkten, z.B. im Vergleich zu den Medizininformatikern. 
Und noch was kommt hinzu, denn das Problem ist in Teilen selbst gemacht, "academic drift" deutet darauf hin. Denn die Entscheidung, am Standort Ulm neben der traditionellen schulischen Ausbildung zusätzlich ab 1997 ein FH-Studium in Medizinischer Dokumentation und Informatik anzubieten, war nichts Geringeres als die Inkaufnahme der gegenseitigen Kannibalisierung, da beide Ausbildungseinrichtungen die gleiche Zielgruppe umworben haben. Macht der Vorstand des Uniklinikums die SMD dicht, dürfte damit das Lokalderby zwischen schulischer Ausbildung und Fachhochschulstudium endgültig entschieden sein. Es bleibt abzuwarten, ob davon landes- oder bundesweite Impulse ausgehen und ob der Bologna-Prozess generell nicht noch stärker als bisher zum Wegfall dreijähriger berufsfachschulischer Ausbildungen führt.
Stichwort Leuchtturm: für mich als Leiter einer MDA-Ausbildungsstätte und damit Mitbewerber war die SMD niemals ein Konkurrent, sondern vielmehr unser Referenzobjekt im Benchmarking-Prozess. Und mit den Ulmer Kollegen, die, wie man hört, demnächst anderweitig eingesetzt werden sollen, verliert die Ausbildungsbranche zudem engagierte, verlässliche und sachkundige Partner für alle Fragen der Aus- und Weiterbildung im Segment Medizinisches Informationsmanagement. Ich bezweifle stark, dass diese Lücke mittelfristig geschlossen werden kann.
Ich habe meine Bedenken in Form einer Protestnote heute morgen an den Vorstand des Uniklinikums gesandt, wohlwissend, dass sie mehr Meinung als harte Argumente enthält. Dennoch  wollte ich die Chance nutzen und darauf aufmerksam machen, dass die Schließung der SMD letztlich kontraproduktiv ist und fatale Folgen für die gesamte Branche haben wird. 
Quasi über Nacht hat sich auf Facebook eine eigene Gruppe gebildet, die für den Erhalt der Schule kämpft: Stoppt die Schließung der Schule für Medizinische Dokumentation. 983 Mitglieder hat die Gruppe schon (Stand: 10. März 2011, 18:14 Uhr). Verdammt nochmal, wenn das keine Aussagekraft hat...
Auf dass dem Vorstand der Ulmer Spatz erscheine...

Kommentare:

  1. Ich finde Ihren Artikel mehr als gut. Respekt!
    Ich bin gerade in Ulm-Wiblingen in einer Ausbildung als Medizinischer Dokumentar und meine Kollegen und Ich leiten alle uns zur Verfügung stehenden Gegenmaßnahmen ein die in unserem Machtbereich stehen um die Schließung zu verhindern.
    Daher möchte ich mich bei Ihnen im Namen von mir und meinen Kollegen recht herzlich für Ihren Artikel und die Unterstützung bedanken.

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  2. Vielen Dank, MD42.

    Ich habe zwischenzeitlich eine Mail erhalten, in der ich gefragt wurde, warum ich nicht eigentlich froh wäre, dass - nach Marburg 2004 und Bremen 2008 - wieder eine Schule geschlossen wurde und damit ein Mitbewerber weniger existiert. Ich dachte eigentlich, das stünde im Text...

    Ich wünsche Euch was! Und vielleicht lässt sich am Beispiel Stuttgart 21 was lernen...

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  3. Hallo, am Montag, 14. März, kommt der Vorstand ins Wiblinger Kloster. Wäre vielleicht hilfreich, wenn sich alle MDs gegen 12:30 Uhr im Klosterhof versammeln. Gäste willkommen. Wir brauchen möglichst viele Wutbürger!! Danke.

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  4. Schülerin MD 4211. März 2011 um 16:28

    Sehr geehrter Herr Wirth,
    vielen Dank für Ihre Unterstützung! Es ist bedauerlich, dass das Uni-Klinikum Ulm nicht die Qualität der MD Schule in Wiblingen anerkennen will! Wir Schüler sind uns dieser Qualität bewusst und kämpfen für den Erhalt der Schule für Medizinische Dokumentation (SMD)!

    Die systematische Schließung der Schule ist ein geschickter Schachzug des Uni-Klinikums, so wurde das Bewerberverfahren für das Jahr 2011 schon längst eingefroren und die Werbung für die Schule/den Beruf des MD unterbunden. Änderungen des Namens, sowie die Möglichkeit eines BA Abschlusses wurden kürzlich abgelehnt.
    Schon vor der offiziellen Entscheidung über die Zukunft der Schule haben die Verantwortlichen alles in die Wege geleitet, um uns Still und heimlich „auszulöschen“.

    Wir können nur hoffen, dass sich der Vorstand noch eingesteht, dass sie Erwägung zur Schließung der SMD eine Fehlplanung war und ein Rückschritt für das Uni-Klinikum bedeuten würde.

    Noch ist ja nichts entschieden, ...

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  5. Danke für Ihr Feedback, Schülerin MD42, ich habe heute morgen nochmals alle angeschrieben (danke an Frau Ose!): Ministerialrat Schrade, Herrn Schoppik, Prof. Debatin, Prof. Wirth (nicht mit mir verwandt) sowie Frau Eisenschink.
    Ich glaube eigentlich schon, dass man sich der Qualität der Ausbildung bewusst ist. Aber da die FH Ulm im gleichen Segment ausbildet und den Vorteil hat, aus Landesmitteln zu "funktionieren", muss die SMD über die Klinge springen. Zumal es in Ulm ja seit einiger Zeit eine zweijährige MDA-Ausbildung existiert, die kostenlos Nachwuchs für's Uniklinikum produziert.
    Tja, wie ich andernorts schrieb: The sole economic vision is a tunnel vision.
    Und wir weisen auf unserer Facebook-Seite ebenfalls auf Euer Anliegen hin. Ich fände es klasse, wenn die Angelegenheit auch zur stärkeren Vernetzung innerhalb der MD/A-Szene führen würde.
    Viel Erfolg!

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  6. 'Lokalderby' zwischen SMD und FH? Wohl eher ein Duell mit ungleichen Waffen.

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  7. Meiner Meinung nach war es ein Fehler, die Ausbildung zum Medizinischen Dokumentar nach Start des Studiengangs an der FH mit niederigerem Niveau weiterzuführen. Dadurch hat das Ansehen aller Wiblinger MDs gelitten. Besser wäre es gewesen gleich bei der MDA-Ausbildung zu bleiben.

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  8. Danke für Ihren Beitrag. Niedrigeres Niveau? Inwiefern denn?

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  9. Mit Gießen und Greifswald gibt es jezt nur noch zwei Universiätskliniken, die im Segment Medizinische Dokumenation ausbilden.

    Da ist es eine gute Nachricht, dass die Universitätsmedizin Mainz zum 1. April 2013 mit der Ausbildung von Medizinischen Dokumentationsassistenten beginnen wird.

    :-)

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