Dienstag, 19. April 2011

re:publica 11 – Als Digital immigrant unter Netzbürgern

Ich gebe zu, ich bin mit einem Filter im Kopf nach Berlin gefahren. Meine Tätigkeit in der Bildungsbranche und der Charakter der Reise als Dienstreise bringen es mit sich, dass ich mich zumeist auf unmittelbar Verwertbares für das Unternehmen, welches ich repräsentiere, konzentriere. Das mag man „déformation professionelle“ nennen. Aber es ist auf eine altmodische Art zugleich loyal. Und da ich mich auf eine geradezu erschreckende Weise mit meinem Beruf identifiziere, fällt mir dies auch nicht sonderlich schwer. Ich bin zudem gewohnt, aus allem Möglichem Impulse zu ziehen. Deswegen fällt es mir insofern leicht, über den vielbeschworenen Tellerrand zu schauen, da er für mich erst gar nicht existiert. Meine Teller sind sozusagen riesige ineinander übergehende kalte und warme Platten auf einem „buffet de savoir“. Natürlich nehme ich den Tellerrand wahr, immer dann nämlich, wenn ich das Gefühl habe, dass sich mein Halbwissen in Viertel-, Achtel- oder, nun ja, Unwissen atomisiert. Was dann jedoch übrig bleibt, ist schieres Interesse. Neugierde. Staunen zum Teil. Mit diesem Ansatz konnte ich auf der diesjährigen re:publica also gar nicht enttäuscht werden. Ich finde an jedem Büfett immer etwas. Garantiert.

Entsprechend berichte ich über diese drei Tage im April 2011 – drei Tage ohne Internet quasi – von demjenigen, was in den Panels, die ich besucht habe, so serviert wurde. Die Auswahl reicht dabei von Schnitzel mit Pommes über getrüffelte Wildente bis zu Grütze. Was so schlecht nicht ist.

Tag 1: Schnitzel mit Pommes
Die Schere im Kopf, schnipp-schnapp. Gleich am ersten Tag erging mir das so, und zwar bei der Keynote von Philipp Schäfer, der hie und da auch auf die Gesundheitswirtschaft zu sprechen kam, was mich aufmerken ließ. Schäfer arbeitet für den deutschen Ableger der amerikanischen Innovationsberatung IDEO und sprach über „Design Thinking“. Dabei geht es um nichts Geringeres als um Methoden zur Lösung komplexer Probleme und zur Entwicklung innovativer Ideen. Das gelinge aber nur, wenn man sich von den Denkstrukturen befreie, die zur Entstehung eben dieses Problems beigetragen hätte, so Schäfer feat. Albert Einstein. Wieso fühlte ich mich hier nur an meine Branche erinnert?

"Ultra-Coordinated Mother-Fuckary"
Was sonst noch an diesem Vormittag geschah, sei hier nur im Zeitraffer erwähnt. Der Vortrag über Psychologie, Struktur und Wirkmächtigkeit von „Anonymous“ (Gabriella Coleman) war für mich als Nicht-Eingeweihten höchst interessant, die Werbeveranstaltungen von LichtBlick und Mozilla waren es nicht. Überhaupt: Werbeveranstaltungen. Ich kenne das von vielen anderen Kongressen und auch der Spruch, dass man sein Unternehmen kurz vorstellen müsse, damit man den folgenden Ausführungen folgen könne, ist meistens gelogen. Auf der re:publica hätte ich solches Treiben nicht erwartet, den ich hätte gedacht, die Zuhörer würden mit Shitstörmchen reagieren. Einige Tweets gehen in diese Richtung. Man sollte jedoch niemals die Traute und Dreistigkeit von Unternehmensvertretern unterschätzen.

Weil ich mich derzeit mit Infografiken beschäftige, fand ich den Beitrag von Johannes Kretzschmar ziemlich anregend. Neben seiner Tätigkeit as WissMa an der Uni Jena findet der Informatiker noch Zeit, Comics zu zeichnen. Der Öffentliche Dienst ist offensichtlich auch nicht mehr das, was er mal war ;) Der Comic als Medium der Informationsvermittlung, etwa im berufsfachschulischen Unterricht – das könnte für unsere Zwecke recht interessant sein. Auch Internet Memes zum Beispiel. Bei Internet Memes oder Internet-Phänomenen handelt es sich um ist ein Bild, ein Video, eine Phrase oder einfach eine Idee, die von einer Person zu einer anderen verbreitet wird, und das zunächst ohne einen vordergründigen logischen Grund. Auch in der Ausbildung könnte diese Meme wie einfache Infografiken verwendet werden, und generell statt Skripten auch Infografiken oder Comics, gezeichnet wie in Fotoform. Meine eigenen Talente sind hier deutlich limitiert, aber die Auszubildenden lassen sich sicherlich ganz prima einbinden.

Spannend auch der Beitrag zum „Visuellen Datenjournalismus“ (Gregor Aisch), der einmal mehr betont hat, warum der Beruf des Journalisten geschützt werden sollte dass im Journalismus, auch wenn er sich Datenjournalismus nennt und dessen Produkt aus nicht mehr, aber auch nicht weniger als einer Infografik besteht, Technik in erster Linie immer noch Inhalte repräsentiert. Klasse dann aber „Wie Journalisten Daten finden und sicher nutzen“ (Christina Elmer), was einen unmittelbaren Verwertungsnutzen für mich gehabt hat. Eindrucksvoll stellte Elmer dar, welcher Tools es bedarf, um aus sperrigen Datensätzen aussagekräftige Aussagen zu treffen. Mit Excel hat sie anschaulich demonstriert, wie man „Geschichten in Daten findet“, wenngleich nicht „im Nu“, wie die generalstabsmäßig vorbereitete präparierte Demonstration hätte suggerieren können.

Alles in allem solide Hausmannskost in meinen Panels des ersten Tages, quasi Schnitzel mit Pommes: lecker, durch und bekömmlich. 

Etwas fade lediglich der Beitrag mit dem vollmundingen Titel „Blogs in Deutschland“ (Stine Eckert), der sich als im Ansatz stecken gebliebene qualitative Auswertung von 20 willkürlich ausgewählten Blogs entpuppt hat, wofür die Referentin reichlich Schelte einstecken musste und auch per Tweets verbal gesteinigt wurde, na ja, zumindest gepiesakt. Kann passieren, wenn unter der Panade kein saftiges Schnitzel, sondern leider nur ein Pappendeckel hervorlugt.
Ich möchte nicht nachtreten, aber ich beobachte seit Jahren, dass auf vielen wissenschaftlichen Kongressen nicht mehr für die Qualität der Präsentationen garantiert werden kann. Ein Mindeststandard sollte jedoch erfüllt werden, weshalb ich für eine bessere Peer Review votiere.


Tag 2: Getrüffelte Wildente
Ich mag Schnitzel mit Pommes, aber nicht jeden Tag. Umso erfreuter war ich, dass ein Herr mittleren Alters namens @wilddueck zu getrüffelter Wildente lud. Yummy! Vielleicht kennen Sie das ja auch. Man verspürt Unbehagen an etwas, ist aber nicht in der Lage, dies zu artikulieren, so als fehlten einem die Worte. So erging es mir beim Vortrag von Prof. Dr. Gunter Dueck, CTO bei IBM, der mir in aller Deutlichkeit die passenden Worte geliefert hat für mein Unbehagen am deutschen Bildungssystem. Ich kann sagen, ich bin regelrecht erschüttert, denn was Dueck über die Schere zwischen Schulsystem und Arbeitswirklichkeit gesagt hat, trifft sich voll und ganz mit meinen eigenen Beobachtungen aus vielen Jahren an der Uni und als Dozent. Grandios sein Plädoyer für Professionals die anstatt über IQ über Emotionale Intelligenz (EQ) verfügen, dazu Energie, Verkaufstalent, Sinn für Attraktivität, Liebe zum Kunden usw. – der Dienstleister des 21. Jahrhunderts. Schule heute diene hingegen nur dazu, die innere Festplatte zu füllen. Dabei wisse ein „frisch Gesurfter“ mehr als dessen Lehrer, und das gelte auch für andere Berufe, z. B. auch im Gesundheitswesen (Arzt vs. e-Patient z. B., mehr dazu hier). Klasse überdies seine Ausführungen zur „Ver-Credit-Pointung“ à la Bolognese.

Der Vortrag ist übrigens im Netz:



Die von Philipp Banse moderierte Gesprächsrunde mit dem Titel „Blogger_innen im Gespräch“ war okay, vielleicht ein büschen zäh zuweilen. Thematisch hatten wir René Walter als tragischen Nerd Held – unerschütterlich trotz beinahe erlittenen Heldentods (aufgrund einer Abmahnung inklusive Domain-Pfändung) – und Katrin Rönicke zu Stereotypen, Quoten und Frauenstammtischen. Bin ich nicht der richtige Ansprechpartner, möchte aber bezweifeln, dass sie in diesen zehn vertanen Minuten viel für S/Q/F getan hat. 
Und Richard Gutjahr, ja. Der hat es im Zuge der ägyptischen Revolution dank seiner Live-Berichterstattung zu einiger medialer Prominenz gebracht. Hatte irritierenderweise aber den Polohemdkragen hochgeschlagen. Mag blöd klingen, hat mich aber abgelenkt.
Und dann kam ein Augenschmaus. Die gehörlose Julia Probst, die auf eindrucksvolle Art in nur zehn Minuten wahrscheinlich mehr für die Wahrnehmung Behinderter getan hat, als Wim Thoelke, Wum, Wendelin & der blaue Klaus zusammen in 219 Folgen „Der Große Preis“ für die „Aktion Sorgenkind“. Sie bloggt auf www.meinaugenschmaus.blogspot.com und kommentierte seit 2010 mediales Leben aus der Sicht einer Gehörlosen. Das tat sie so witzig wie charmant, so dass sie die CPUs Herzen des Auditoriums sozusagen im Sturm eroberte. Rührend zu sehen, wie der ganze Saal am Ende beidhändig in Gebärdensprache Beifall bekundet hat. Das bedeutet ja auch nicht zuletzt, dass für einen Moment lang zahlreiche mobile devices aus der Hand gelegt worden sein müssen. Und das will auf einer Veranstaltung wie der re:publica was heißen.

Zum Nachtisch: nicht rote, nein magentafarbene Grütze
Was wären solche Veranstaltungen ohne die obligatorischen Zerstreuungspanels? Nach einem Vormittag und einem Nachmittag an Input stellt sich zuweilen der Information overload ein. Zur Zerstreuung habe ich mir am ersten Abend Sascha Lobo's "Publikumsbeschimpfung" à la Peter Handke reingetan. Ging es Handke seinerzeit darum, das Nachdenken über Theater an sich zu fördern, nahm Lobo mit seinen „Jüngsten Erkenntnissen zur Trollforschung“ auf gewisse Weise eine Ortsbestimmung der Blogosphere vor, immer oszillierend zwischen dem Allgemeinen („Ihr“) und dem Speziellen („Ich“), garniert mit Verbalattacken, die aber quasi als Livetroll-Übung angekündigt waren. Seine Ausführungen waren amüsant und zuweilen luzide, tragikomisch dort, wo es persönlich wurde, durchaus unterhaltend und auch in Sachen Selbstinszenierung lehrstückhaft. 
Sodann Powerpoint-Karaoke. Nun ja. Ohne meinen Fanblock hatte ich nicht die Eier, um selbst zu performen. Nach zwei Versuchen von Mutigeren habe ich mich dann für ein Dreigang-Menu im Café Jolesch (evtl. hat der Koch gewechselt?!) entschieden.

Dein Stammbaum ist ein Kreis
Am zweiten Abend fand die Twitterlesung statt. Davon hatte ich schon viel gehört. Zum Besten gegeben wurden Tweetperlen, die die Jurymitglieder aus ihren jeweiligen Timelines zusammengeklaubt hatten. Geclustert gemäß der Existenz-Segmentierung des durchschnittlichen re:publica-Besuchers: Familie und Arbeit, Berlin und Bahn usw. Ebenfalls amüsant und spannend zu sehen, wie immer wieder die gleichen Twitterer zitiert wurden. In irgendeinem Kommentar-Tweet habe ich das unschöne Wort „Inzucht“ in diesem Zusammenhang verwendet gesehen. Mich hat es eher an die „Zitierkartelle“ während meines Studiums erinnert.

Tag 3: Resteessen
1000 Jahre Blogs in Deutschland (Don Dahlmann, Felix Schwenzel, Jörg Kantel und Anke Gröner). Für Blogtalgiker. Das bin ich aber nicht. 
Nachmittags eingeschifft, um an wenigstens einem sozialen Event teilgenommen zu haben. Halt, Stopp, retour, ich hatte ja bereits am Mettmob teilgenommen.

Unterm Strich: ein Update in Sachen Digitalität
Endlich kenne ich jetzt wieder viele lustige Vokabeln, die ich bei meiner täglichen Arbeit in der Provinz nun anwenden kann, was mir vielleicht einen Hauch Kennertum verschafft, haha. „Zwangsdigitalisierung“ (Jürgen Ertelt, ebenfalls klasse Session!) ist so ein Wort.
Ich weiß jetzt überdies, was „flittern“ ist und werde mir beizeiten einen privaten Twitter-Account anlegen, so für alle Fälle, denn ich bin Ü40.
Ich habe aber auch gelernt, dass nicht jeder Netzbürger, Twitterer, Blogger, so eloquent er auch über 140 Zeichen sein mag, automatisch über Frontsau-Qualitäten verfügt. Aber auch das verwundert nicht wirklich.
Aber mal im Ernst: Was ich in meinem Berufsalltag ab und an vermisse, nämlich kritische Masse, fand ich auf der re:publica zu Hauf vor, in Form von einigen sehr inspirierenden Vorträgen, dem ein oder anderen guten Gespräch und zudem in unzähligen kritischen Tweets.
Danke dafür.

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