Samstag, 7. Mai 2011

Warum ausgerechnet ein offener Brief? Gedanken zu Gunter Duecks „Aufruf an die Generation Digital“

Ich muss zugeben, ich mag diese Textsorte. Der offene Brief oszilliert als Kommunikationsform irgendwo zwischen dem Appell und der Anklage – und ist dabei fast immer eine Provokation. Das rückt ihn eindeutig in die Nähe der publizistischen Marterwerkzeuge. Denn offene Briefe werden immer dann gerne verwendet, wenn der Verfasser die Adressaten unter Zugzwang setzen will. Man könnte das auch mit „absichtsvollem aus der Reserve locken“ umschreiben. Und das kann durchaus ehrenhaft gemeint sein, da es dem Verfasser zumeist darum geht, die Angesprochenen zu einem – aus seiner subjektiven Sicht – notwendigen Handeln zu provozieren. Offene Briefe sind damit immer auch ein Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung.

All dessen sollte man sich bei offenen Briefen also stets bewusst sein.

Durch die Form des offenen Briefs wird der Empfänger in der Regel zu einer öffentlichen Stellungnahme zum Gegenstand des Schreibens aufgefordert. Das wird mit Sicherheit auch passieren, denn spätestens seit seinem vielzitierten Auftritt auf der re:publica 11 ist Gunter Dueck auch einem breiterem Publikum bekannt. In zahlreichen Tweets und Blogs wird sich mit seinen Thesen zur digitalen Welt auseinandergesetzt. Er selbst tut dies analog mit zahlreichen Büchern und Vorträgen, digital auf SINNRAUM.

Aus der Höhle in die Welt: die digitale Avantgarde im Winterschlaf
Die Handlung, zu der Gunter Dueck mit seinem „Aufruf an die Generation Digital“ provozieren will, ist nichts Geringeres als ein AusAufbruch, und das ist nicht zu Überlesen, denn es steht bereits im Untertitel: die Digital Natives sollen aus ihren (platonischen) Höhlen herauskommen, um die „Gesellschaft neu zu erfinden“. oh, warum sie? Was aber qualifiziert sie dazu? Die Antwort ist simpel: sie können Internet. Und weil die Zukunft digital ist… Mensch, höre ich Dueck sagen, wer soll es denn sonst machen?

Wir brauchen ein Betriebssystem für die Gesellschaft der Zukunft
Zunächst packt Dueck die digitale Avantgarde am Kragen bei ihrer Ehre, indem er sie nachdrücklich an ihre ureigenste Aufgabe erinnert, nämlich gestaltend voranzuschreiten – und nicht bloß nachzutun. Und die Argumente, die Dueck eines nach dem anderen anführt, dürften auch Nerds überzeugen.

Die Ursache von Komplexität sei oftmals Redundanz. Solche Komplexität behindere. Für viele Dinge des täglichen Lebens reiche eine gemeinsame Plattform als verbindliches Betriebssystem aus, in dem ökonomisch sinnvoll alles nur einmal programmiert sei. Dueck fordert die Reduktion von Komplexität, ein einziges intelligentes Betriebssystem anstatt zig Insellösungen. Cloud-Computing, also das Auslagern von Daten und Programmen ins Internet, weise dabei durchaus darauf hin, wie ein Betriebssystem für die Gesellschaft der Zukunft funktionieren könne, so Dueck.

Betriebssystem für die Gesellschaft der Zukunft? Das klingt vielmehr nach Gesellschaftssystem, und genau das müsse neu erfunden werden. Wie? Tja, Dueck gibt eher Hinweise, wie es nicht aussehen soll. Das bezieht er zu allererst auf die Berufe. All das, was wir durch Surfen nicht selbst erledigen können, sei eigentlich überflüssig, weil es ja bereits vorhanden sei: „Das Einfache der Berufe wandert ins Internet.“ Und für die Dienstleistungen, die dann noch übrig blieben, gäbe es dann den Professional. Doch über welche Kompetenzen müssen diese dringend benötigten Fachkräfte verfügen? Eigentlich müsse man sich nur die Stellenannoncen anschauen, so Dueck. Der Komplexität der Aufgaben sei es geschuldet, dass der Professional der Zukunft nicht nur über Fachkönnen verfügen müsse, sondern über soziale Gewandtheit, emotionale Intelligenz, Managementtalent, Verhandlungsgeschick, Selbstverantwortung und Unternehmergeist.

EQ - kann das irgendwo erworben werden? 
Unser Bildungssystem aber orientiere sich nach wie vor an der Vermittlung von Fachwissen. Wir lernten nicht, professionelle Menschen zu sein oder Persönlichkeiten zu werden. Niemand bereite uns auf das Komplexe vor. Jedoch seien die Professionalitätsstandards zukünftig so hoch, dass der Gesellschaft nicht anderes übrig bleibe, als den Erwerb von Persönlichkeit zu ermöglichen. Ja, Persönlichkeit könne nur erworben werden, so Dueck, nicht gelernt. Coaching, Training und Mentoring seien dafür erfolgversprechender als schierer Frontalunterricht. Und was für Klavierspiel und Tennis gelte, gelte auch für Managen, Verkaufen, Kommunikation: früh übt sich, wer ein Meister werden will. 
Also nicht erst nach dem Erwerb des Doktortitels mit 30, sondern viel früher. Wohl eigentlich ab der Vorschule, irgendwie.


Warum ausgerechnet in der FTD?
Duecks Thesen sind bereits bekannt, er hat sie schon an anderer Stelle publiziert. Doch warum veröffentlicht er sie erstens als offenen Brief und zweitens ausgerechnet in der Financial Times Deutschland (FTD)? Die FTD ist völlig unverdächtig, das Leitmedium der Generation Digital zu sein. Dringt sein Aufruf daher überhaupt in die „Höhle“ der Eingeborenen aus Digitalien vor? Oder verhallt er damit nicht recht eigentlich, weil das Medium falsch gewählt ist?

Ich denke, das Gegenteil ist der Fall, und ich bin fast versucht, die Wahl des Mediums als gelungenen Schachzug zu bezeichnen. Die FTD ist eines dieser Business-Blätter, welches um die Gunst der so genannten „Entscheider“ buhlt. Gleich hinter dem Handelsblatt und dem Manager-Magazin rangiert die FTD auf Platz 3 bei besonders begüterten Lesern nach Einkommen(Quelle: Media-Analyse 2010 Pressemedien II). Betrachtet man die überregionalen Medien, liegt die FTD auf Platz 7, direkt hinter der TAZ (Quelle: AG.MA 2010).

FTD? The medium ist the message!
Meines Erachtens wendet sich Duecks Aufruf daher nicht so sehr an die im Essay angesprochene Zielgruppe der Digital Natives und der Digital Immigrants, sondern er hat eine ganz andere Gruppe als Blogger und Facebook-Jünger im Visier: nämlich die von ihm so benannten Analog Exiles, worunter er die Mehrzahl der heute aktiven Politiker subsumiert. Diesen versucht er klar zu machen, dass sich etwas ändern muss. Geschickt...

Nota bene
Durch Emile Zolas „J’accuse… !“ wurde in Frankreich seinerzeit die Dreyfus-Affäre ausgelöst. In Deutschland hat der offene Brief jedoch nicht wirklich eine Tradition. Dass Duecks Aufruf einen vergleichbaren Impact hat, halte ich für durchaus wünschenswert.

Kommentare:

  1. Darf ich selbst (Gunter Dueck) etwas dazu sagen? Ja? Also dann: Ach ja, (seufz)was so immer herausgedichtet wird! Es ist ganz einfach so gewesen: Leute von der FTD haben das re:publica Video gesehen und gefragt, ob ich dazu eine schriftliche Version schreiben würde. Bei der FTD bin ich schon irgendwie bekannt, weil mein Buch "Lean Brain Management" damals von der FTD zusammen mit getAbtract zum "Management-Buch" des Jahres 2006 gewählt wurde.
    Ich bin leider noch nicht in der Position, mir meine Medien beliebig aussuchen zu können. Neulich ist zum Beispiel ein beabsichtigter Artikel abgelehnt worden. Tenor: So einen Stil bitte nicht hier!
    Ich war der FTD dankbar, eine Schriftversion publizieren zu können, weil viele Video-Viewer danach fragten. "Können Sie mir/uns bitte das Manuskript schicken?" Das kann ich nie, weil ich immer frei rede...

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  2. *blush*

    Vielen Dank, Herr Dueck, zuweilen ist tatsächlich Vieles einfacher, als man zunächst denkt.
    Unabhängig aber davon, dass Ihr Text aus ganz handfesten Gründen in der FTD veröffentlich wurde, erscheinen mir solche Blätter insofern ein gut geeigneter Publikationsort zu sein, als dass sie von den Richtigen gelesen werden. Steter Tropfen... macht die Musik ;)

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