Montag, 6. Juni 2011

2011 - Annus horribilis: Studiengang Information und Dokumentation in Potsdam wird abgeschafft

2011 scheint ein Annus horribilis nicht nur für Despoten, sondern auch für den Informationswissenschaftlichen Sektor zu sein. Dr. Luzian Weisel, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI) e.V. erwähnte mir gegenüber heute in einem Telefonat, dass es zur Schließung der Ulmer Schule für Medizinische Dokumentation nun bald auch ein Pendant auf akademischem Niveau gebe. Der Studiengang "Information und Dokumentation" an der Fachhochschule Potsdam läuft zum Wintersemster 2012/2013 aus. Schlechte Aussichten also für die ganze Dokumentationsbranche, "orthodox" wie medizinisch?

Die DGI hat heute reagiert und eine offizielle Verlautbarung per Newsletter und XING veröffentlicht, aus der ich im Folgenden zitiere:

"Der Studiengang „Information und Dokumentation“ an der Potsdamer Fachhochschule soll zum Wintersemester 2012/13 auslaufen" - so meldete es die Märkische Allgemeine am 10. Mai, gefolgt von (mindestens) einer bitteren Stellungnahme des daraufhin zurückgetretenen Dekans des zuständigen Fachbereiches (Prof. Dr. Hans-Christoph Hobohm; U.W.). Ich habe mir als Präsident der DGI in verschiedenen Einzelgesprächen mit an der Entscheidung Beteiligten ein Bild dieses Vorgangs zu machen versucht, betrifft er doch die angestammte Kernsubstanz dessen, wofür unsere Gesellschaft steht: die Dokumentationswissenschaft unabhängig von ihrem konkreten Niederschlag in der institutionellen Praxis von Bibliotheken und Archiven – denn genau diese beiden institutionell geprägten Studiengänge verbleiben nun allein in Potsdam. Ich habe heute meine Eindrücke mit dem Vorstand der DGI abgestimmt - und wenn sich unsere daraus ergebende Reaktion nicht in reflexhaftem Protestgeschrei erschöpft, so hat dies seinen Grund darin, dass eine Bewertung des Vorgangs aus unserer Sicht nur so komplex und ambivalent ausfallen kann wie die Materie selbst.

Da ist zum einen die Tatsache, dass es zu dieser Entscheidung ohne entsprechende Sparvorgaben von Seiten der Hochschulleitung und der Landespolitik wohl nicht gekommen wäre: hier ist offenbar im Fachbereich eine durchaus vertretbare Überlegung angestellt worden, derzufolge anstelle einer gleichmäßigen Umsetzung solcher Vorgaben quasi mit dem Rasenmäher über alle drei Studiengänge (mit dem Risiko, sie sämtlich in einen kritischen Zustand zu versetzen) das Opfer eines der drei Studiengänge als das kleinere Übel schien.


Warum dann aber fiel der Studiengang "Information und Dokumentation" dieser Überlegung zum Opfer und nicht einer der beiden institutionell geprägten Studiengänge für Bibliothekare oder Archivare?
(Hervorhebung durch mich, U.W.) Hier wird der Vorgang wirklich komplex und in seinen Konsequenzen bedenkenswert. Denn offensichtlich war zum Einen im Fachbereich der Eindruck vorherrschend, der nun abzuwickelnde Studiengang sei weniger gut auf aktuelle und Zukunftsthemen eingestellt als die anderen beiden - und auch die Anstrengungen des Kollegen Hobohm, eine neue, vorwärts gewandte Informationswissenschaft zu propagieren und zu praktizieren haben dem gegenüber offensichtlich nicht ausgereicht. Zum anderen aber - und dies vor allem ist bedenklich! - bekundet der neue Dekan des Fachbereichs, Günther Neher, die Chancen der Dokumentations-Absolventen am Arbeitsmarkt seien schlechter als diejenigen der Absolventen der anderen beiden Studiengänge. (Hervorhebung durch mich, U.W.) Dem wiederspricht Eleonore Poetzsch, die in dem betroffenen Studiengang lehrt, so dass in gewisser Hinsicht Aussage gegen Aussage steht. Doch auch ohne die entsprechenden Verbleibszahlen aus Potsdam überprüfen zu können stimmt bedenklich, dass uns heute im DGI-Vorstend spontan Beispiele von Stellen mit klar dokumentarischem Profil genannt wurden, die in jüngster Zeit - trotz vorliegender einschlägiger Bewerbungen! - mit nicht-dokumentarischen Fachwissenschaftlern besetzt wurden.

Dies mag beklagenswert sein - doch müssen wir als Realität akzeptieren, dass Kernbestandteile des Berufsprofils 'Dokumentation' in der öffentlichen Wahrnehmung schlicht nicht mehr existieren und wohl auch nicht so ohne weiteres wiederzubeleben sein werden.
(Hervorhebung durch mich, U.W.) Diese Einsicht verleiht dem Potsdamer Vorgang eine zwar brutale, jedoch letztlich nachvollziehbae Logik: eine eigenständige Neu-Begründung der Dokumentationswissenschaft wird wohl eine Chimäre bleiben. Aussichtsreich ist sie nur als Teil eines neuen Forschungsparadigmas, als Teil der sich gerade formierenden Web-Science. (Hervorhebung durch mich, U.W.) Genau dieser Entwicklung trägt die jüngste Diskussionsrunde der Gruppe RTP Doc in Frankreich unter dem Arbeitstitel 'Le Web sous Tension' Rechnung, in welcher der Prozess der 'Redocumentarisation du Monde' in die Welt des Web der Linked Open Data fortgeschrieben wird.

In diesem Sinne ist die in Potsdam getroffene Entscheidung für mich letztlich nachvollziehbar und zugleich erneuter Anlass zum Nachdenken über das Profil der 'Information Professionals' und der DGI. Meines Erachtens ist die Entwicklung der Dinge in Potsdam genau dann keine Katastrophe, wenn es im Sinne des Arbeitsprogramms von RTP Doc gelingt, traditionelle dokumentarische Erschließungsintrumenten (Thesauri, Klassifikationen, Ontologien) und zielgruppenspezifische Kontextualisierungsansätze mithilfe von SKOS und Methoden der semantischer Verlinkung und der Linked (open) Data neu zu positionieren und dafür zu sorgen, dass diese in den beiden verbleibenden Studiengängen ihren unverrückbaren und selbstverständlichen Platz erhalten. 

Intendiert ist damit also nicht etwa Defaitismus sondern weit eher die Vermeidung kraftraubender und letztlich nutzloser Rückzugsgefechte, denn dies eröffnet zugleich die Möglichkeit, unsere angestammten Kernkompetenzen auch im neuen Umfeld des Web sichtbar und nutzbar zu machen!

Prof. Dr. Stefan Gradmann

Präsident der DGI" 

Den Schlussfolgerungen Gradmanns ist m. E. zuzustimmen, die Neupositionierung ist anzugehen, denn sie ist überfällig. Da dies meiner Überzeugung nach auch und gerade für den Bereich Medizinisches Informationsmanagement gilt, sollten die großen Verbände im ABD-Sektor einmal darüber nachdenken, ob es sich nicht lohnte, die Neupositionierung wenn nicht gemeinsam, so doch in Tuchfühlung anzugehen. 

Reinvent information science.
Reengineer medical information management.

Kommentare:

  1. Jetzt gibt es die erste Reaktion auf die offizielle Stellungnahme der DGI, und zwar von Arnoud de Kemp, dem Alt-Präsidenten der Vorgänger-Organisation DGD und Ehrenmitglied der DGI (per DGI-Newsletter).

    Herr de Kemp erinnert nochmals daran, wie der Bereich Information und Dokumentation überhaupt nach Potsdam gekommen ist und wendet sich dann direkt an die DGI:

    "Die Idee der 'Information & Dokumentation' war damals schon schwierig zu 'verkaufen'.

    Das Fach und das Umfeld ändern sich. Wir haben das auch bei der Gestaltung der Informare-Kongressmesse deutlich festgestellt.
    Und es wird sich noch viel mehr ändern...

    Meine Grosse Frage an die DGI ist deswegen, wo künftig unsere 'Wissensarbeiter' aus- und weiter gebildet und von wem welche Anforderungen gestellt werden?

    Welche Rolle kann bzw. muss die DGI spielen? Ich bin gerne bereit mitzudenken."

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  2. Hier nun eine weitere Reaktion auf die offizielle Stellungnahme der DGI, und zwar von Prof. Dr. Walther Umstätter. Herr Umstätter ist emeritierter Professor für Bibliotheks- und Informationswissenschaft am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Berliner Humboldt-Universität. Da seine Antwort über die Mailingliste kam, dies aber auch für Nicht-Abonnenten informativ wie lesenswert ist, poste ich den Beitrag hier.

    "Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    dass das Ende der klassischen Dokumentation gekommen war, ließ sich spätestens 2002 erkennen, als die FID aufgelöst wurde und die Digitale Bibliothek weitgehend ihren Platz einnahm. Nun wäre es aber abwegig zu glauben, dass das gesamte Wissen aus dieser Zeit, heute obsolet bzw. unbrauchbar geworden wäre. Im Gegenteil, jeder der sich die semantischen Suchmöglichkeiten von Google heute genauer anschaut, wird rasch begreifen, dass dort inzwischen die alten Erkenntnisse aus den dokumentarischen Thesauri heraus eine wichtige Renaissance erfahren haben. Dieses Wissen hat sich also weiter entwickelt.

    Was die publizierte Information betrifft, so hat die Digitale Bibliothek weitgehend die klassische Dokumentation im Sinne der Bibliogrfien Otelets und La Fontaines übernommen. Für diese Vorreiter war die Dokumentation ein modernisiertes Bibliothekswesen, dass nicht nur Bücher und Zeitschriften, sondern auch die sog. Neuen Medien (die inzwischen immer weiter digitalisiert werden) inkorporierte, und weitaus breiter erschloss, als die alten Bibliotheken und Dokumentationen das konnten.

    Worüber sich die „Dokumentare“ und die DGI aus meiner Sicht heute intensiver Gedanken machen sollten, sind die nichtpublizierten Dokumente, mehr oder minder geheime Analysen, Berichte, Bilder, E-Mails, Entwürfe, Laborwerte, Modelle, Reports, Workflows etc., mit deren Hilfe Patente, Produkte, Marktstrategien etc. in Firmen, Forschungseinrichtungen etc. erschaffen werden können. Diese Data Manager als ProductDM, StreamDM, ClinicalDM etc. sollten weder mit den Informatikern, noch mit den Archivaren oder den Spezialisten publizierter Information (Bibliothekaren) verwechselt werden. Dass auf diesem Gebiet, der dokumentarischen Landkarte, eine große weiße Fläche entstanden ist, empfand ich seit langem als fundamentalen Fehler deutscher Dokumentation. (Siehe dazu auch PDM bei Lockheed Martin oder CDM in der Medizin, wo die NLM schon vor 25 Jahren die Krankenhausinformation und die publizierte medizinische Information zusammenbrachte (s. Homer R. Warner).

    Im Prinzip hat die deutsche Dokumentation, historisch betrachtet, ihre Meriten in der Industrie gewonnen (Chemie, Pharmazeutik, Optik, Ingenieurwesen,...). Sich wieder auf diese Kernkompetenz zu besinnen, und damit auch die Industrie, die Forschungsinstitute und Think Tanks, mit dem zu versorgen, was sie dringend brauchen, ist aus meiner Sicht ein unübersehbares Desiderat im internationalen Wettbewerb. Vermutlich weitaus dringender, als eine weitere Ausbildungseinrichtung im Bereich des Bibliothekswesens – so wichtig dieser Bereich auch sein mag.

    Als ich vor etwa zwanzig Jahren Vertreter der Industrie besuchte, um ihnen deutlich zu machen, wie wichtig für sie in ihren Institutionen ein modernes Informationsmanagement (anstelle der alten Dokumentation) wäre, wuchs deren Interesse recht rasch. Mit anderen Worten, man muss dem Abnehmermarkt deutlich machen, dass sie einen noch nicht klar erkannten Bedarf an PDM-Absolventen haben, und dass man diesen Markt fachgerecht zu bedienen in der Lage ist. Wenn dabei nicht auch Angebote sind, von denen die Praktiker noch gar nicht wissen, dass das heute möglich ist, kann man sie von der eigenen Fachkompetenz nur schwer überzeugen. Spätestens bei der Konzeption eines entsprechenden Studiengangs erwerben die beteiligten Dozenten/innen, soweit sie ausreichendes Grundwissen haben, rasch alle notwendigen modernsten Kenntnisse."

    Ende Teil 1

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  3. Teil 2

    "[...] So hat eine holländische Ausbildungseinrichtung vor einem viertel Jahrhundert beispielsweise, auf meine Frage, was für sie ein Studium des Informationsmanagements beinhalten muss, geantwortet, dass werden wir am raschesten erfahren, wenn wir den Studiengang begonnen haben. Vorher hatten sie sich von der Notwendigkeit eines solchen Angebots in den USA Sachkundig gemacht.

    Auch wenn ich befürchte, dass der Zug in Potsdam schon abgefahren ist, so bin ich auch der Meinung, dass die DGI ihr Möglichstes tun sollte, um den Knowledge Manager für eine praktische Zielgruppe, wie die Industrie, fachgerecht anzubieten.

    Seit dem ich in diesem Geschäft bin, hinkte Deutschland informationspolitisch zwanzig und mehr Jahre hinter den USA hinterher. Das begann schon damit, dass man den Vorsprung durch den Weinbergreport von 1965 im verballhornten IuD-Programm von 1975 aufzuholen versuchte. Gelungen ist es nur so unzureichend, dass wir heute noch daran leiden.

    Ich kann also Gradmanns und de Kemps Anregung nur unterstützen und anregen, die Frage zu stellen, welchen modernen „Dokumentar“ die Industrie, die Produktion, die Forschungsinstitute etc. an Data Managern bzw. Knowledge Managern brauchen. Wie der "Dokumentar" von morgen heißen wird, ist zunächst zweitrangig. Die Frage ist, was diese Absolventen können müssen, damit sich die Wirtschaft um sie reißt, dann wird sich der passende Name schon finden.

    Im Prinzip hat Dokumentation Datenflüsse in Einrichtungen, Betrieben und Systemen gesteuert und optimiert, und das sollte sie auch in Zukunft mit modernsten Methoden tun.

    MfG

    W. Umstätter"

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  4. Hier eine weitere Stellungnahme zum Thema:

    "[...] In Potsdam schließt man die Dokumentationswissenschaft und hat Gründe dafür. Dennoch hätte es unabhängig des Ausgangs eines solchen Verfahrens durchaus für die Vigilanz der Community gesprochen, in breiterer Front öffentlichkeitswirksam Gründe für den Sinn und Zweck und natürlich auch die Unverzichtbarkeit aufzuzählen. Aber vielleicht fällt es schwer, solche zu finden."

    Den ganzen lesenswerten Beitrag, in welchem sich auch speziell mit der Replik Gradmanns auseinandergesetzt wird, finden Sie hier.

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