Donnerstag, 7. Juli 2011

Der Deutsche Verband Medizinischer Dokumentare (DVMD) e. V. reagiert auf die Schließung der Schule für Medizinische Dokumentation (SMD) in Ulm

Wir erinnern uns: Mitte März 2011 hatte das Universitätsklinikum Ulm verkündet, dass die Schule für Medizinische Dokumentation (SMD) in Wiblingen noch in diesem Jahr geschlossen werde, um dann im Laufe der nächsten beiden Jahre abgewickelt zu werden. Eine offizielle Pressemitteilung ist das Universitätsklinikum Ulm bis heute schuldig geblieben. Auf diese jedoch hatte der Deutsche Verband Medizinischer Dokumentare (DVMD) e. V. bis zuletzt gewartet - letztlich vergeblich. Das ist der Grund, warum die Stellungnahme des Fachverbands für Berufstätige im Medizinischen Informationsmanagement erst gestern veröffentlich worden ist. 

Auf Anregung der Euro-Schulen Trier und von schnittstelle:wissen ist auch die Schließung des Studiengangs Information und Dokumentation der Fachhochschule Potsdam im selben Schreiben thematisiert worden.


Im Folgenden finden Sie den Wortlaut der Pressemitteilung:

"Schließung der Schule für Medizinische Dokumentation (SMD) an der Akademie für Gesundheitsberufe am Universitätsklinikum Ulm 

Stellungnahme des DVMD e.V. – Der Fachverband für Dokumentation und Informationsmanagement in der Medizin  

Die Nachrichten der letzten Wochen: 
„Schließung der Schule für Medizinische Dokumentation in Ulm“
„Schließung des Studiengangs für Dokumentation in Potsdam“
 
Herrscht Krisenstimmung in der Branche?
Hier eine traditionsreiche MD-Schule, dort ein BA-Studiengang. Sind Zusammenhänge erkennbar? Muss man sich grundsätzliche Sorgen machen? 

In jedem Fall grundsätzliche Betrachtungen:

Der DVMD ist seit fast 40 Jahren sehr eng mit der Schule für Medizinische Dokumentation in Ulm verbunden. Dass diese traditionsreiche Schule 2013 schließen wird, hat aber nicht nur beim DVMD große Betroffenheit ausgelöst, sondern stößt auch in weiten Fachkreisen auf nverständnis. Die Schließung dieser Schule wird mit dem seit Jahren zu verzeichnenden kontinuierlichen Rückgang der Schülerzahlen begründet, obwohl Fachkräfte im Bereich Medizinische Dokumentation und Information auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind.

In Potsdam werden andere Gründe angeführt, die der Präsident der DGI folgendermaßen kommentiert: „...müssen wir als Realität akzeptieren, dass Kernbestandteile des Berufsprofils "Dokumentation" in der öffentlichen Wahrnehmung schlicht nicht mehr existieren...“

Betrachten wir die Schließung der Ulmer Schule einmal im Kontext der allgemeinen Entwicklung im Bereich der Ausbildungs- bzw. Studiengänge sowie den allgemeinen Entwicklungen im Gesundheitswesen:

Wir leben heute in einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, von der insbesondere auch der Gesundheitsbereich erfasst worden ist und höhere Qualifikationsansprüche stellt. Grundlegende Änderungen der Rahmenbedingungen und immer strenger werdende Regularien, wie die Einführung der Diagnosis Related Groups (DRG), umfassende Qualitätssicherungssysteme, integrierte Versorgungs- und Diseasemanagement-Programme (DMP) stellen hohe berufliche Anforderungen. Die gestiegenen Anforderungen ziehen einen Bedarf nach höheren Qualifikationen und Schlüsselkompetenzen nach sich und haben gleichzeitig neue Berufe und Positionsbezeichnungen entstehen lassen, wie den Case Manager, Data Manager, Medizincontroller etc.

Die Einführung des aus dem angelsächsischen stammenden Bachelor-Master-Systems ermöglicht einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss schon nach drei Jahren, der gleiche Zeitraum, der auch für eine Fachqualifizierung zum Medizinischen Dokumentar erforderlich ist mit dem Unterschied, dass durch den Bachelor- bzw. Masterabschluss ein akademischer Grad erworben wird. Zahlreiche Ausbildungen, die vorher an Fachschulen wie beispielsweise der Akademie für Gesundheitsberufe am Universitätsklinikum Ulm (SMD) durchgeführt wurden, haben sich inzwischen akademisiert: Insbesondere reagieren Fachhochschulen auf diesen Trend zur Höherqualifizierung und richten entsprechende akademische Studiengänge ein. In diesem Zusammenhang wurde an einigen Orten die Berufsausbildung zum Medizinischen Dokumentar an die Fachhochschulen verlegt. Zusätzlich bieten diese innovative Studiengänge für die entsprechenden Bereiche und verwandten Gebieten an. Dadurch entstand in den vergangenen Jahren ein großes und teilweise sehr heterogenes Berufsfeld, nicht nur im Bereich der Medizinischen Dokumentation.

Der klassische „Medizinische Dokumentar“ dokumentiert schon längst nicht mehr ausschließlich, vielmehr ist er zunehmend zum Informationsmanager geworden. Die gestiegenen Anforderungen, die sich verändernden und komplexer werdenden Tätigkeitsfelder und der Einsatz moderner Technik machen den Beruf in der heutigen Zeit erst recht interessant und vielseitig. Der Weiterentwicklung des Berufes Medizinischer Dokumentar zum „Informationsmanager“ war auch die aktuelle Umbenennung des DVMD zum Fachverband für Dokumentation und Informationsmanagement in der Medizin geschuldet. Damit hat sich die Berufsbezeichnung zu einem zeitgemäßeren und damit auch attraktiveren Begriff für den Ausbildungsnachwuchs  gewandelt, ohne die Wurzeln zu verleugnen, die weiterhin in der Medizinischen Dokumentation liegen.
 
Es bleibt festzuhalten, dass mittlerweile auch im Bereich der Medizinischen Dokumentation und des Medizinischen Informationsmanagements eine zunehmende Anzahl von Bachelor-Studiengängen mit den unterschiedlichsten Bezeichnungen existieren. Ebenso ist die vermehrte Aufnahme eines Studiums als Erstqualifikation bei Abiturienten zu beobachten. Parallel dazu gibt es viele Fachschulen, die Schulabgängern mit mittlerem Bildungsabschluss eine fundierte, hochwertige Ausbildung zu Fachexperten auf dem Gebiet der Medizinischen Dokumentation und des medizinischen Informationsmanagements bieten. Diese Ausbildungsmöglichkeiten sollten unbedingt erhalten bleiben, um auch Schülern mit mittlerem Abschluss eine interessante berufliche Perspektive zu bieten. Zusätzlich müssen jedoch für diese Gruppe Optionen geschaffen werden, um an diese Ausbildung gezielte Weiterbildungsmaßnahmen für höher qualifizierte Tätigkeiten oder ggf. bei entsprechender Voraussetzung ein Studium anzuschließen.

Diese Möglichkeiten, auf die Ausbildung zum Medizinischen Dokumentar/Medizinischen Dokumentationsassistenten aufzubauen, beispielsweise um einen Hochschulabschluss wie den Bachelor oder Master zu erwerben, waren in der Vergangenheit kaum gegeben. Dies war fast ausschließlich im Ausland, z.B. in Österreich oder England problemlos möglich, da die dreijährige MD-Ausbildung dort als Bachelor anerkannt wird. In den letzten Monaten und Jahren hat sich aber auch in Deutschland einiges bewegt.

Der DVMD wird sich dafür engagieren, diese Entwicklung weiter voranzubringen, um durchgängige Weiterbildungsmöglichkeiten zu bieten.

Damit vertritt er die Interessen sowohl der Informationsmanager mit akademischen Studienabschluss als auch derjenigen, die eine Fachschule für Medizinische Dokumentation/Medizinische Dokumentationsassistenz  absolviert haben oder als Quereinsteiger in dieses Berufsgebiet gelangt sind. Als Brücke zwischen den einzelnden Berufsgruppen einserseits und den politischen Entscheidungsträgern andererseits setzen wir uns dafür ein, dass der „Medizinischen Dokumentar“  bzw. der „Medizinische Informationsmanager“ sowohl bei den Arbeitgebern als auch bei den Schulabgängern weiterhin ein attraktiver und zukunftsorienter Beruf bleiben wird."

(Quelle: www.dvmd.de)


Kommentar:
"Diese Möglichkeiten, auf die Ausbildung zum Medizinischen Dokumentar/Medizinischen Dokumentationsassistenten aufzubauen, beispielsweise um einen Hochschulabschluss wie den Bachelor oder Master zu erwerben, waren in der Vergangenheit kaum gegeben. [...] In den letzten Monaten und Jahren hat sich aber auch in Deutschland einiges bewegt."

Und das ist der Punkt: erster Abschluss z.B. als MDA plus drei Jahre Berufserfahrung genügen in den meisten Bundesländern, um sich für einen B.A. einzuschreiben. Die FH Hannover erkennt mittlerweile sogar Leistungen im Umfang von ca. 30 Credit Points an, die an einer Berufsfachschule erworben wurden.

Darüber hinaus ist im Berufsfeld Medizinisches Informationsmanagement seit Jahren die sogenannte "Outcome-Orientierung" zu beobachten: wichtig ist ein Abschluss und sonst eigentlich nur, dass der potenzielle Bewerber das kann, was der Arbeitgeber von ihm verlangt. Alles andere wäre erstens Blödsinn und zweitens unter den Bedingungen des demografischen Wandels ohnehin nur noch schwer nachzuvollziehen.




Stichwort Akademisierung:
Ich bezweifle doch stark, dass "der Bedarf nach höheren Qualifikationen und Schlüsselkompetenzen", wie vom DVMD angeführt, das Hauptargument für die Nachfrage nach akademisch qualifiziertem Personal ist. Die Euro-Schulen Trier haben im Herbst 2010 Experteninterviews geführt, die zum Ergebnis kamen, dass eine Bachelor-Qualifikationen für die meisten der befragten Unternehmen vollkommen uninteressant sind. Will heißen: nicht der Abschluss ist primär von Interesse, sondern das Portfolio aus hard und insbesondere soft skills (mehr dazu in diesem Blogbeitrag). 

Dass ehrgeizige Eltern für ihre EinzelKinder auch notfalls den Schulplatz am Gymnasium einklagen, ist wohlbekannt und wird derzeit im Kontext der Abkehr der Bundes-CDU vom dreigliedrigen Schulsystem diskutiert. Gleiches wiederholt sich dann noch einmal nach dem mittelprächtigen Abitur, dann nämlich, wenn es Hinz und Kunz zur Universität drängt. Für diesen "academic drift" gibt es handfeste gesellschaftspolitische Gründe, zudem das individuelle Verlangen des Bewerbers oder seiner Eltern. 

Mit den Anforderungen der Arbeitgeber muss dies, wie weiter oben gesehen, erst einmal weniger zu tun haben. Machen wir uns doch nichts vor: ein mittelmäßige Arbeitnehmer bleibt mittelmäßig, daran ändert auch ein Universitätsdiplom nichts.

Nota bene:
Ein Gutes hat der Trend zu akademischen Weihen: Entgeltsysteme wie der TVöD bekommen jetzt ihre Eingruppierungsmerkmale frei Haus geliefert. De facto, besser gesagt: netto ist ein Bachelor-Diplom nach sechs Semestern damit mehr wert als das Zeugnis einer dreijährigen Ausbildung. 

Fraglich, wie lange sich die zitierte "Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft" einen solchen Luxus noch erlauben kann.

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