Freitag, 7. Oktober 2011

Wenn der Dokumentar auf den Hund kommt - wird er zum Maulwurf?

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass während meiner postgradualen Ausbildung am Institut für Information und Dokumentation (IID) der Fachhochschule Potsdam die Tätigkeit des wissenschaftlichen Dokumentars beim Information Retrieval, der Recherche also, mit der eines Golden Retriever gleichgesetzt wurde. So wie dieser vorzugsweise dasjenige Entlein wiederbrächte, welches vorher von Herrchen oder Frauchen erlegt worden war, so könne jener auch nur diejenigen Informationen wiederfinden, die vorher abgelegt worden wären. Denn zum Zwecke des Wiederfindens seien sie schließlich gespeichert worden, lernten wir.

Ich fand das passiv und wenig kreativ und auch ein bisschen despektierlich, denn ich war, einerseits als Historiker die kreative Archivarbeit gewohnt, andererseits gerade vom Fachjournalismus kommend, durchaus der Meinung, dass Dokumentation nicht bei der Zuarbeit im Sinne der Informationsvermittlung ende, sondern - je nach Branche, Aufgabengebiet, Arbeitsteilung - ein gleichsam schöpferischer Prozess sei. Das versuche ich in meiner derzeitigen Tätigkeit als Leiter einer Ausbildungseinrichtung für Medizinische Dokumentationsassistenten Informationsmanager weiterzugeben.

Jetzt (ich hatte vorher keine Zeit!) muss ich im Juli/August-Heft von "Information. Wissenschaft & Praxis" (IWP), der Verbandszeitschrift der DGI, im Zusammenhang mit der Abwicklung des Studiengangs Information und Dokumentation an der FH Potsdam, unter der Überschrift "Das Tot-Schweigen der Dokumentation" Folgendes lesen:
"Und sind Dokumentare im Grunde nicht schon immer wie Maulwürfe gewesen, die im Verborgenen tätig sind? Wie Ghostwriter oder Literaturübersetzer - zwar unersetzliche Partner, ohne die bestimmte Reden nie gehalten würden und keine Weltliteratur möglich wäre, von den Personen ihrer Umgebung, die von ihnen profitieren, auch hoch geschätzt, aber eben zumeist unerkannt, unsichtbar, ungenannt?"
Da sei es doch kein Wunder, dass man statt "Dokumentar "doch lieber "Records Manager, Informationsarchitekt, Informationsmanager" usf. sein wolle.

Das Editorial endet sodann mit dieser Empfehlung:
"Doch wenn wir eine Redokumentarisierung (Hervorhebung im Original; U. W.) wollen, dann müssten wir auch in unseren Bezeichnungen offensiv dazu stehen und dürfen die Dokumentation nicht totschweigen oder mit Anglizismen und Informatikjargon zudecken."
Das klingt eher altbacken-konservativ als berufsständisch-selbstbewusst, und ob ich die neue Studierendengeneration, die allesamt aus digital natives besteht, mit solchen Sprüchen hinterm iPad hervorlocken kann, halte ich für fraglich und letztlich für kontraproduktiv. Aber wir müssen sie hervorlocken, allein weil die Branche den Nachwuchs braucht. Und weil uns sonst das widerfahren kann, was der SMD in Ulm passiert ist: man wird mangels Nachfrage abgewickelt - und beraubt eine ganze Branche vielleicht nicht der besten, aber auf jeden Fall ganz hervorragend ausgebildeter Köpfe.

Und hey!, sind nicht gerade wir Dokumentare diejenigen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, sich an Inhalten zu orientieren und diese zu erschließen, nicht aber irgendwelche Bezeichnungen? Ich glaube ja. Macht sich Redokumentalisierung wirklich an Namen oder Berufsbezeichnungen fest? Ich glaube nicht. Kann sich unsere Branche solches konservatives Gebaren leisten? Ich glaube nicht. Zementierte ein Festhalten an Namen (wohlgemerkt nicht an Inhalten) nicht gerade dem maulwurf-esken Touch, der unserer Branche anhaftet? Davon bin ich überzeugt.

Auch wenn neuerdings, d. h. seit Bologna, Bezeichnungen wie "XY-management" ein bisschen inflationär verwendet werden, so halte ich es für gerechtfertigt, einen Berufsstand wie den der Dokumentare aus der Passivität ihrer Nomenklatur zu befreien. Der DVMD hat es 2010 vorgemacht und sich von "Deutscher Verband Medizinischer Dokumentare" in "Der Fachverband für Dokumentation und Informationsmanagement in der Medizin" umbenannt. Dafür gab es handfeste inhaltliche Gründe, die der Veränderung der verschiedenen Berufsbilder innerhalb des Medizinischen Informationsmanagements Rechnung trugen. Dass die Bezeichnung "Dokumentation" schon immer irgendwie unsexy klang, spielte nur eine untergeordnete Rolle, wurde aber billigend in Kauf genommen. Ob die Umbenennung marketingtechnisch wie verbandspolitisch von Erfolg gekrönt sein wird, bleibt jetzt abzuwarten.

Hinsichtlich des profession branding halte ich es persönlich jedenfalls für einen längst überfälligen Schritt.

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