Montag, 21. November 2011

Schöne neue Arbeitswelt: sollten die Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht auch curricular umgesetzt werden?

Als jemand, der beruflich viel mit Rahmenlehrplänen und Curricula zu tun hat, wundere ich mich immer wieder über die Halbwertszeit von Lehrplänen. Mögen die Anforderungen des Arbeitsmarktes zwar maximal kurzfristig berücksichtigt werden, so wird überhaupt nicht thematisiert, was es konkret bedeutet, dass die Arbeitswelt im Wandel ist. Schöne neue Arbeitswelt - eine Metapher: aber für was? Liebe Auszubildende, habt ihr denn eine Idee davon, dass ihr alle paar Jahre den Arbeitsplatz wechseln werdet? Oder das ihr home-based arbeiten werdet, wodurch die Trennung von beruflich und privat hinfällig wird? Ein eigenes Büro werdet ihr vielleicht auch nicht haben, sondern mit eurer Chipkarte öffnet ihr den Work Container, der gerade frei ist. Usw. usf.

Sollte es nicht gerade die Aufgabe von Berufsfachschulen sein, ihre Auszubildenden darauf vorzubereiten? Meines Erachtens schon. Wie aber, da Lehrpläne eine Halbwertszeit haben?

Welchen Anforderungen sehen sich unsere Auszubildenden in fünf, zehn, zwanzig Jahren gegenüber? Wie wird unsere Zukunft angesichts des Wandels in der Arbeitswelt aussehen? Wir wissen es nicht, aber schon heute zeichnen sich Trends ab: Demografischer Wandel, Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft, Globalisierung und Individualisierung der Arbeit, Neue Mobilitätsmuster, Digitales Leben, Wissensbasierte Ökonomie und Business Ökosysteme werden sich auf die Arbeitswelt auswirken. Unsere Auszubildenden sollten daher schon im Rahmen ihrer Ausbildung einen Eindruck von den Prozessen erhalten, die hinter diesen Entwicklungstrends stehen, so dass sie ihre individuellen Chancen und Möglichkeiten in der sich veränderten Arbeitswelt erkennen – und gut vorbereitet nutzen. Was spricht also dagegen, sie mit einem Modul vorzubereiten? Nichts. Im Gegenteil, alles spricht dafür.

„Anforderungen des Arbeitsmarktes“ bedeutet immer auch „Anforderungen an den Arbeitnehmer“. Ausbildung, zumindest meinem Verständnis nach, stellt den Menschen mit all seinen körperlichen, seelischen, sozialen und kulturellen Belangen in den Mittelpunkt. Das Wichtigste ist der Mensch. Und dem Menschen beste Start- und Entwicklungschancen zu bieten, sollte das Ziel aller Qualifizierungsangebote sein. Leben, lernen und Arbeiten wird als ständiger Prozess verstanden, dessen Phasen ineinandergreifen und -wirken. Ausgehend von einem solchen Menschenbild gilt es vor allem, den Menschen mit all seinen Sinnen und seinen Fähigkeiten, den „human resources“, neu kennen zu lernen, wozu er sich erst selbst kennenlernen muss.

Und jetzt die gute Nachricht: im neuen Rahmenlehrplan für die zweijährige Ausbildung „Medizinischer Dokumentationsassistent“ wird ein solches Modul curricular verankert sein.

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