Sonntag, 18. August 2013

Die Aufmerksamkeitsspanne von Managern - Interview mit Dirk Baecker

Dirk Baecker ist Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen. Derzeit ist er neben Fredmund Malik, Siegfried J. Schmidt und Jim Collins mein Lieblingsautor, und Lieblingsautor verwende ich im Sinne von Pflichtlektüre: man muss es nicht mögen, aber man kommt nicht daran vorbei. Aber unabhängig davon, dass ich die vier Autoren vor dem Hintergrund meiner beruflichen Erlebnisse im Gesundheitssektor für gegenwartsfähig und deswegen für hochrelevant halte, gefällt mir wirklich, wozu Baecker anregt. Denn Baecker mahnt zur Auseinandersetzung, als dauernde Erinnerung daran, dass es immer noch etwas gibt, was man nicht im Griff hat. Dies bedeutet, dass man ständig Ressourcen mentaler, aber auch faktischer Art mobilisiert, um sich zu fragen, ob man nicht doch dieses bislang ungelöste Problem lösen kann. Unbequem, einerseits. Aber unheimlich stimulierend wie herausfordernd. 

Müsste ich nicht arbeiten und Geld verdienen, würde ich mich glatt nochmals in Friedrichshafen einschreiben wollen. Per Nerd-Stipendium für eine 30+ Bachelor läge dies durchaus zumindest theoretisch im Rahmen des finanziell Machbaren! Aber Notwendigkeiten und Zwänge... So ziehe ich es vor, meine Tochter mit dem Gedanken zu infizieren, dass es auch noch andere Studiengänge als Englisch und Französisch auf Lehramt gibt, aber das ist ein anderes Thema. 

Dirk Baecker hat ein spannendes Büchlein geschrieben, welches bereits 1994 unter dem Titel "Postheroisches Management" kürzere Aufsätze und Kolumnen vereinte, welche in den Jahren zuvor im Handelsblatt erschienen waren. Baecker gilt als Managementdenker, der es zwar nicht zu einer geschlossenen Theorie gebracht hat (warum auch?), sondern Einblicke und Einsichten in die systemtheoretischen Organisationstheorien bietet. Das regt dazu an, sich mit Themen wie Management, Führung, Organisationsentwicklung erfrischend anders auseinanderzusetzen. Manager sind nicht länger Macher, sondern Joker oder vielmehr Katalysatoren, die Störungen mit Störungen begegnen, auf das das Unternehmen lerne, darauf zu reagieren. 

1994 erschienen, damit erschreckend visionär und seiner Zeit damals voraus. Ob die Thematik indes jemals im Gesundheitswesen angekommen ist, darf bezweifelt werden. Zumindest findet sich keine Literatur, in der Baeckers Denken explizit für den Health Care-Sektor mobilisiert worden wäre. 

Auf Youtube gibt es ein Video-Interview, in dem Baecker u.a. sein Selbstverständnis reflektiert. Er sieht sich als Theorielieferant für Berater, weniger als jemand, der Angebote für Manager z.B. über Management-Abläufe macht. Er begründet dies u.a. mit deren Aufmerksamkeitsspanne. Spannend, denn ich selbst näherte mich eher aus letzterer Perspektive Baecker und seinem Ansatz, weil ich Antworten gesucht habe auf Fragen, die sich unmittelbar aus meiner mehrjährigen Erfahrung im Umgang mit Managern, Zerrbildern von Managern und Business-Kaspern gestellt haben.






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